Muskeln schlucken Kalorien
Nichts ist für unsere Beweglichkeit so wichtig wie die Muskeln: Über 400 verschiedene Einzelmuskeln sorgen dafür, dass wir einen Bleistift übers Papier führen, den Kopf neigen oder einen Schritt vorwärts machen können. Die für unsere Bewegung verantwortlichen Muskeln nennt man Skelettmuskeln. Sie sind über Sehnen mit den Knochen verbunden und können so einen bestimmten Zugreiz ausüben.
Ihre Aktion ist, anders als z. B. der Herzmuskel, unserem Willen unterworfen. Man spricht daher auch von “willkürlicher” Muskulatur. Die Skelettmuskulatur besteht dabei aus quergestreiften Muskelfasern: mehrere Fasern zusammengenommen ergeben ein Muskelfaserbündel. Die Muskeln machen bei Männern rund 40 Prozent, bei Frauen etwa 23 Prozent des Körpergewichtes aus. Sie sind es auch, welche durch ihre Aktivität die zugeführte Nahrung beinahe zur Gänze umsetzen. So ist es einfach zu erklären, dass ein Mensch mit hoher Muskelmasse auch bei hoher Kalorienzufuhr nicht zunimmt: Sein Grundumsatz ist viel höher als bei jemandem mit ungünstigerem Muskelanteil. Aus diesem Grund geben moderne Waagen nicht nur das Gesamtgewicht an, sondern errechnen über eine elektrische Widerstandmessung den Anteil an Körperfett – im Umkehrschluss ergibt sich daraus ein guter Anhaltspunkt für die muskuläre Situation. Ein Muskel übt Kraft aus, indem er sich anspannt und zusammenzieht. Den Befehl dazu erhält er über elektrische Impulse, welche von Rückenmark oder Gehirn ausgesandt werden. Diese Impulse nennt man Aktionspotentiale (bis zu 1000 pro Sekunde). Dabei ist es nun nicht so, dass ein Muskel wie ein Gummiband wieder in seinen Ausgangszustand zurückkehrt, wenn die Impulse ausbleiben. Vielmehr bleibt der Muskel im angespannten Zustand, bis er durch Einwirkung anderer Muskeln oder Bänder wieder in seinen Ausgangszustand zurückgeholt wird. Auch deshalb ist es so wichtig, nach einer einseitigen sportlichen Belastung den Muskel wieder zu dehnen, um eine Muskelverkürzung zu vermeiden. Von selbst hält unser Körper nur sehr unzureichend mit der allgemein gestiegenen Lebenserwartung Schritt. Das merken wir am ehesten an unserem Muskelkorsett: Bei Nichtstun wie auch bei falscher Belastung setzt schnell eine Kaskade aus Abnutzung, Verschleiß und Schmerzen ein. Vor allem der Schmerz führt letztendlich in die Inaktivität, was eigentlich schädlich ist. Wenn wir keinen konsequenten Muskelaufbau betreiben, verlieren wir ab dem 30. Lebensjahr pro Jahr rund ein Prozent unserer Muskelmasse. Schon bei Erreichen des 50. Lebensjahres, also in den so genannten “besten Jahren”, haben wir auf diese Weise einen großen Teil unserer einstigen Muskelkraft eingebüßt. Hinzu kommen bei Frauen wie bei Männern hormonelle Veränderungen, welche eine Einlagerung von Fett begünstigen. Trotz all dieser bekannten Faktoren ist aber auch heute noch für viele junge Menschen der Schulsport die letzte Zeit ihres Lebens, in der sie ihre Muskeln trainieren. Ein gezieltes Muskeltraining hilft aktiv ...
* die Muskeln aufzubauen
* die Bewegungskoordination zu optimieren
* die Beweglichkeit zu erhöhen und zu erhalten
* Rücken und Gelenkschmerzen zu lindern
* den Knochenaufbau zu unterstützen (Osteoporose!)
* Fettgewebe in Muskelmasse umzuwandeln
Allerdings sollte mit einem intensiven Muskelaufbautraining erst begonnen werden, wenn das Längenwachstum abgeschlossen ist. In der Regel ist dieser Zustand irgendwann zwischen dem 16. und 18. Lebensjahr erreicht. Im Zweifel kann eine Ultraschalluntersuchung beim Orthopäden zeigen, ob sich die so genannten Wachstumsfugen bereits geschlossen haben. Ärzte warnen davor, dass vorher ein intensives Krafttraining mit einem Mehrfachen des eigenen Körpergewichts zu Fehlbildungen und auch zu chronischen Schmerzen führen kann. Das besonders in den USA beliebte “Kinder-Bodybuilding” wird daher bei uns in aller Regel abgelehnt. Nach oben ist dagegen die Grenze offen: Erwachsene profitieren in jedem Alter von einem gesunden Krafttraining, welches dem natürlichen Muskelabbau entgegenwirkt. Mindestens genauso wichtig wie die Bildung neuer Muskelmasse ist das Training der bestehenden Muskeln. “Ausdauer” heißt das Zauberwort. Eigentlich bedeutet “Ausdauer zu haben” nichts anderes, als dass unsere Muskeln nur langsam ermüden und vielleicht noch wichtiger sich nach einer Beanspruchung schnell wieder erholen. Besonders Herz und Kreislauf profitieren immens von einem richtigen Ausdauertraining. Auch hier gilt jedoch, dass Neueinsteiger sich nicht zu viel zumuten sollten. Man verliert schnell die Lust daran, wenn man Muskeln, Bänder und Sehnen über Gebühr belastet. Vor allem die Kombination von Ausdauer und Krafttraining ist es, welche die besten Ergebnisse für Gesundheit und Wohlbefinden gleichermaßen liefert.
Dr. Wolfgang Czichon ist Arzt für Orthopädie, Chirotherapie, Sportmedizin und Akupunktur. Er praktiziert im Deutschen Facharzt-Zentrum, C/. Malgrat, 6, Paguera, Tel.: 971 685 333, E-Mail: facharzt-zentrum@web.de
Quelle: El Aviso - Mallorca

